Der Blasenkrimi
Schauen wir uns nun nochmal mit dem Wissen, was wir nun haben, an, was passiert, wenn Harngries ausgeschieden wird und was passiert, wenn ein Blasenstein entsteht ...
Harngries ist also, wie wir oben gelernt haben, etwas ganz normales, um ein Übermaß an Mineralstoffen, die nicht mehr in Lösung im Harn zu halten sind, aus dem Körper herauszuspühlen. Hierbei wird ausgenutzt, daß feine Bestandteile, welche nicht in Lösung sind, mit hoher Geschwindigkeit einfach mitgerissen werden.
Vorraussetzung dafür ist, daß das Wasser, was zum Ausschwemmen notwendig ist, erstmal gesammelt werden kann und dann mit einem Mal zu der eingedickten Brühe dazugegeben werden kann und so der Schmodder wie in einem reißenden Bach die Kiesel durch die Harnröhre nach draußen gebracht wird oder aber, anderes Prinzip, in einer Blase mit verstärkten Wänden solange gesammelt werden kann, bis ein genügend hoher Überdruck erzeugt werden kann, um beim Pinkeln die notwendige Strömungsgeschwindigkeit zu erreichen. Sinn und Ziel des Ganzen ist an dieser Stelle nur noch, das eingedickte Sediment ähnlich aus dem Körper zu reißen, wie es ein reißender Gebirgsbach mit Sand und Kieseln macht ...
Jetzt bekommt ein Halter das große Muffensausen wegen dem ständigen Harngries, den er sehen kann ... und greift ein ...
Wie kann man eingreifen?
Ganz einfach, man füttert so, daß eben weniger Sediment sichtbar ist oder noch besser, der Harn klar ist.
Geht einfach, man füttere calciumarm und säurereich - oder besser gesagt, man führt besondere Säuren in größeren Mengen zu, wie beispielsweise L-Methionin (eine limitierende Aminosäure, also etwas, was normalerweise im Eiweiß gebunden sein sollte, damit es im Magen durch Enzyme herausgebrochen werden kann) und Ascorbinsäure (Vitamin C).
Der Erfolg ist verblüffend!
Der Harn ist tatsächlich so klar, wie ein finnischer Waldsee ... und das Tier ist nebenbei sogar etwas pflegeleichter, weil der Harn nicht mehr so stinkt und das Tier weniger pullert. Sind also gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe erschlagen, toll, oder?

Aber ... schauen wir doch mal genauer hin, warum ist der Harn eigentlich so klar?
In der Blase wird nun das Sediment stark angelöst, insbesondere die Sedimente, welche sich in Säure lösen lassen, sind nun angelöst. Purine dagegen fällen aus.
Gleichzeitig bekommt der Körper das Signal, noch mehr Wasser zu sparen, denn es ist ja offenbar genügend Wasser in der Blase enthalten, da (erstmal) weniger Sediment in der Blase meßbar ist. Das Wasser wird an allen Ecken und Enden im Körper gebraucht, vor allem bei einer trockenen Ernährung, das Tier kann sich gar nicht leisten, anders zu handeln!
Der Effekt ist nun, erst ist der Harn klar, dann wird weniger Wasser in die Blase gespühlt, die Abstände vom Pullern erhöhen sich, nach ein paar Tagen fallen Purine aus und fungieren als Kristallisationskeime, bei unhygienischer Haltung oder wenn das Tier Pech hat, kommen noch Bakterien als Kristallisationspunkte hinzu. Das Sediment kann sich nun prima um diese Kristallisationspunkte ablagern, die ersten Steine entstehen - und der Harn bleibt trotz nun ansteigendem Schmodders in der Blase so klar wie ein finnischer Waldsee, der Halter ist absolut zufrieden mit seinem Werk!
Daß der klare Harn jedoch kein gesundes Zeichen ist, sondern vielmehr nur ein Zeichen dafür, daß gerade Blasensteine entstehen und deshalb kein Sediment mehr herausgespühlt wird, ist dem Halter nicht klar, er sieht ja nur, was ausgepullert wird!
(Übrigens, auch bei angeborenen stoffwechselbedingten Blasensteinen kann man diesen Effekt des klaren Harnes beobachten - sobald der Harn klar wird, sind die Steine so groß, daß sie jegliches Sediment an sich binden und der Betroffene kann sich mal wieder unters Messer begeben - ist immerhin noch besser, als wenn er erst wartet, bis diese harten Fremdkörper anfangen, die Blasenwände zu reizen und es anfängt richtig bös wehzutun ...)
Nach ein paar Monaten vollendet die calciumarme Ernährung ihren Dienst, die Zähne werden spröde, das Zahnbett weich, die Zähne verdrehen sich, das Tier wird zum Zahnpatienten - es wird nun ein Futterkonzentrat mit viel Cholecalciferol (Vitamin D3) gefüttert, was zwar calciumarm ist, jedoch gewährleistet, daß dennoch genügend Calcium in den Körper geschleust wird ... dadurch wird der Gehalt an Calcium im Blutplasma erhöht, es gelangt nun Calcium in die Nierentubuli (trotz Calciummangels), lagert sich dort ab und es gelangt verstärkt Calcium in die Blase, die Blasensteine fangen an im Rekordtempo zu wachsen!
Aber - und das ist das wirklich Wichtige, der Harn bleibt klar!
An der Stelle ist es üblich, sich von solchen Leuten wie mir dann doch zu Frischfutter überreden zu lassen, ohne zu kapieren, was da wirklich abläuft ... es wird also viel Frischfutter gefüttert, das Tier freut sich, spühlt die Blase ordentlich durch und die ganzen schon entstandenen Steine in den Harnleiter *autsch* ... das tut weh - nicht dem Halter, aber dem Tier!
Was der Halter nun sieht, ist, daß das Tier schon nach einem Tag Frischfutter blutigen Harn hat, furchtbar beim Pissen schreit, versucht, nix mehr zu saufen und zudem auch noch nach zwei bis drei Tagen eine ausgewachsene Blasenentzündung hat ... was wird draus gefolgert?
Richtig - calciumreiches Frischfutter macht Blasensteine und Blasenentzündung ... das Frischfutter und das Calcium wird nun erst Recht weggelassen, gebranntes Kind scheuts Feuer ...
Ohne die Frischfuttereinlage dauert das Spiel noch ein wenig länger, denn die Blasensteine wachsen selten gleichmäßig, meist haben sie eine rauhe, furchtbar spitze und gefährlich scharfe Oberfläche - und damit reiben sie immer wieder an der Blasenwand, an den Harnleitereingängen und bleiben teilweise dann auch noch in Blasenwand hängen, wo sie Teile der Blasenwand rausfetzen, welche dann wiederum im Harn als Eiweiß meßbar sind, mal ganz vom Blut abgesehen, was nun auch vermehrt selbst mit dem Auge des Halters gesehen werden kann .... Bakterien wandern ein, es kommt also nicht so schnell zur Blasenentzündung, wie mit der Frichfuttereinlage, aber irgendwann kommt es zu Blasenentzündungen.
Wenn das Tier nun Glück hat, kommt es irgendwann zum Blasenriß und ex ... passiert nur leider fast nie, vorher noch versucht das Tier die Blasenwand zu reparieren und zu verstärken. Die Blasenwand verdickt sich, wird unflexibel, es kann kein Druck mehr in der Blase aufgebaut werden, das Tier fängt bisweilen (und meist unbemerkt vom Halter) an zu tröpfeln ... es kann seinen Harn nicht mehr halten.
Die ersten Blasenstein-OPs werden gemacht, die Blasenwand verdickt sich durch die OPs nur noch mehr, das Tröpfeln wird stärker (auch hier fast immer unbemerkt vom Halter, da das Tröpfeln sehr ähnlich aussieht, als wenn das Tier markiert), es wird die Ernährung noch weiter verschärft, noch mehr Säuren, noch weniger Calcium, Cholecalciferol (Vitamin D3) wird versuchsweise weggelassen, die Nierentubuli werden freigespühlt und spühlen ihre calciumreiche Fracht in die Blase ... die nächsten Steine entstehen, die nächsten Entzündungen entstehen.
Je länger diese sinnlose Futterfolter andauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit erreicht, einen unsichtbaren Point of No Return zu überschreiten - dem Tier ist nicht mal mehr durch langsame, vorsichtige und sensible Frischfuttereinfuhr mehr zu helfen, die Blase ist so zernarbt und verdickt, daß selbst bei erheblicher Strömungsgeschwindigkeit sich Sediment in den Narben sammelt und damit im Rekordtempo weitere Steine entstehen.
Das Tier kann dann irgendwann alle zwei bis drei Wochen operiert werden, bis es irgendwann die nächste OP nicht mehr überlebt - ein jahrelanges Martyrium hat endlich ein Ende gefunden ...
Halleluja!
@Schnubbels:
Ich hatte gehofft, ne andere Quelle gefunden zu haben ... so gehts also hauptsächlich wieder auf mich zurück, direkt oder indirekt, schade ...
Aber, großes Lob - du hast wenigstens verstanden, was ich geschrieben hab!
Und - du denkst weiter, du arbeitest mit dem Wissen! Du kannst es anwenden (und hilfst letztendlich wieder mir damit, weiterzukommen, weil Aspekte auftauchen, die ich so bisher noch gar nicht berücksichtigt hab)
Meist wird nur nachgeplappert - und dann auch noch falsch, weil man keinen Blassen hat, wovon man redet ...